Wegerich


Der Wegerich ist eine der alten und hoch geschätzten Heilpflanzen unserer germanischen Vorfahren, die in ihm die Verkörperung eines Totengeistes sahen. Bereits seine altdeutschen Bezeichnungen weisen auf die Bedeutung hin, die er im Leben unserer Ahnen einnahm.


Man bezeichnete ihn als Lachenaere oder als Wegarih. Letztere Bezeichnung ist eine Anspielung auf den König des Hellweges. Erstere bezieht sich auf seine wundersamen Kräfte, die der Lachner oder auch Lachanari, altgermanische Bezeichnungen für einen Arzt, in seine Gewalt zu kriegen suchte.

In den wenigen Stunden vor Sonnenaufgang grub der Lachner den Wegerich samt Wurzel mit einem Geweih oder einem Kupferwerkzeug aus. Er nutzte die Zeit in der die Dunkelgeister unterwegs sind, sich der Kraft des Glücksmännchens zu bemächtigen. Dabei beschwor er die Wurzel mit dem Mittelfinger, dem Lachnerfinger, um keinen Schaden zu erleiden.

Hatte der Lachner auf diese Weise den Wegerich in seine Gewalt gebracht, verfügte er über die Kräfte des in ihm lebenden Totengeistes und konnte jede Krankheit heilen.
Wollte man einen Lachner mit seiner wichtigsten Heilpflanze darstellen, so käme wohl nur unser Wegerich in betracht.

Wie bescheiden muten da seine ihm zugeschriebenen Heilwirkungen, neuerer Kräuterbücher an, in denen er in seine Bestandteile zerlegt wird um aufgrund der gefundenen Substanzen Wirkungen abzuleiten. Wobei meist nicht einmal im Ansatz verstanden wird, dass eine Wirkung nicht einzig durch vermeintlich wohltuende Substanzen bewirkt wird, sondern gerade durch die enthaltenen schädlichen Substanzen und das Zusammenspiel derselben. So fristet unser altes Glücksmännchen heute ein Leben in der Bededeutungslosigkeit in der ihm allenfalls eine Wirkung aufgrund des in ihm enthaltenen Schleims und des hohen Kieselsäuregehaltes zugesprochen wird.

Unsere alten Kräuterkundigen des ausgehenden Mittelalters massen ihm eine weitaus größere Bedeutung zu. So ist Hieronymus Bock voll des Lobes für diese alte Heilpflanze indem er schreibt, dass kein Arzt und kein Apotheker den Wegerich entbehren könnte. Es gäbe wohl niemanden, der aufgrund von täglicher Verwendung und langer gesammelter Erfahrungen nicht wisse, wozu der Wegerich gut sei.

Und so dient der Wegerich nicht nur als Heilmittel gegen Vergiftungen, Blutungen oder Auszehrung, sondern gerade im zeitigen Frühjahr als kräftiges Gemüse.


Die innerliche Verwendung des Wegerich

Hieronymus Bock empfiehlt den Wegerich, Blätter und Samen, bei Durchfall, Übergewicht und Auszehrung zu kochen und regelmässig unter das Essen zu mischen.

Bei Blutharn, Blutspucken und zum abnehmen nutzt er das aus der Pflanze gebrannte Wasser.

Drei Wegerichwurzeln in Wein gekocht soll das Fieber vertreiben, wobei auch das gebrannte Wasser gut für sei, welches auch bei einer übermässigen Menses helfen sollte, wenn es mehrere Tage hintereinander eingenommen wird.

Wegerichsaft mit Essig vermischt, jeden Morgen warm getrunken, hilft gegen das dreitägige Fieber.

Wegerichsamen und Wegrichblätter sollen die Verstopfung der Leber und der Nieren öffnen.

Ein Esslöffel Wegerichsaft soll die Würmer im Leibe töten.

Bei Ruhr und Durchfall gab man den Wegerichsaft in süsser Milch gesotten.

Spitzwegerichsaft in Honig vermischt und so lange aufbewahrt, gab man zur Behandlung von Atemwegsbeschwerden. Eine Verwendung, die sich noch heute findet.

Die Wegerichsamen sind ein ausgezeichnetes Nahrungsmittel. Ich esse sie sehr gerne auf Butterbrot. Durch ihren hohen Fettgehalt, lassen sie sich vielfältig in der Essenszubereitung verwenden.

Die äusserliche Verwendung

Es gibt wohl nicht viele Heilpflanzen, die man in den Werken Shakespeares findet. Welche Bedeutung der Wegerich in der Volksmedizin bei der Behandlung von Wunden hatte, kann man daher erahnen, wenn man in Romeo und Julia liest, wie Shakespeares Romeo, auf Benvolios Frage hin, den Wegerich als Mittel gegen Hautverletzungen auffführen lässt.

Eine Anwendung, die sich auch in nahezu allen alten Kräuterbüchern finden lässt. Bis heute hat sich die Verwendung gegen Stiche in der Volksheilkunde gehalten. So nimmt man nach einem Stich 2-3 Wegerichblätter und drückt den Saft auf dem Stich aus. Eine Schwellung wird dadurch in der Regel verhindert.

Bock fügt dieser Art der Anwendung eine Vielzahl von Indikationen hinzu. So führt er unzählige Arten von Hautveränderungen an, wie Karbunkel, Krebs, Grind, Flechten, Fisteln und alle Arten von Verletzungen. Für unsere alten Kräuterkundigen ist der Wegerich ein Wundkraut, das bei allen neuen und älteren Schäden hilfreich eingesetzt wird.

Bock empfiehlt selbigen Saft gegen Kopfschmerzen. Zumindest sei es einen Versuch wert, ein Leinentuch im Wegerichsaft zu befeuchten und sich um das Haupt zu legen.

In die Augen getropft soll der Wegerichsaft die selbigen reinigen und in die Ohren getan soll er Schäden heilen und das Gehör zurückbringen.

Mit Wegerichsaft mehrmals den Mund auszuspülen und zu gurgeln würde alle Beschwerden in Mund und Hals heilen.


Wegerichwurzelpulver mit Bertram vermischt stillt laut Bock Zahnschmerzen, wenn die Mischung auf die betreffende Stelle aufgebracht wird.

Schlangenbisse oder Hundebisse sollen ohne Komplikationen heilen, wenn Wegerichsaft darauf aufgebracht wird. Eine Verwendung, die sich auch bei nordamerikanischen Indianerstämmen wiederfindet, die den Wegerichsaft gegen giftige Schlangenbisse einsetzen. So berichtet es der Ethnologe F. Densmore, der diese Art der erfolgreichen Anwendung bei den Odschibwä-Indianern (Norddakota) beobachtet haben will. Eine interessante Beobachtung, da der Wegerich erst durch die Weißen in Nordamerika eingeschleppt wurde.

Gegen Kropf hängte man sich Wegerichwurzel um den Hals, wobei Bock dieser Art der Behandlung recht ungläubig gegenüber stand.

Bei Koliken der Frauen im Unterleib nahm man einen Schwamm, tränkte ihn in einer Mischung aus Wegerichwasser und Essig und hielt ihn vor die Scham.

Mit gekochten Wegerich vermischtes Eiweiß aufgelegt, stoppte Blutungen. Zur Heilung von Wunden drückte man Wegerichpulver hinein. Anwendungen, die erst einmal nicht zur Nachahmung geeignet scheinen.

Zur Behandlung von Gichtzehen mischte man Wegerichpulver mit Salz und brachte es pflasterweise auf die betroffenen Stellen auf.


Gegen geschwollene Füße, zerstiess man Wegerich in Essig und brachte es auf die Füße auf. Eine ähnliche Anwendung nutzte man gegen Nasenbluten, indem man das Wegerichwasser mit Essig vermischte.


Bei einem Bienenstich wurde nicht nur der Saft auf den Stich gedrückt sondern zusätzlich drei Blattspitzen in den Mund gelegt.

Eine ausführliche Beschreibung über den Spitzwegerich finden sie hier.