Rainfarn


Eine erste Erwähnung des Rainfarn findet sich bereits im 9. Jahrhundert in der Landgüterverordnung – Capitulare – Karls des Großen. Mehr als 200 Jahre später schreibt die Äbtissin Hildegard von Bingen in ihrer „Physica“ über den Rainfarn und empfiehlt ihn zur Behandlung von Schnupfen.

Im Spätmittelalter schreibt Hieronymus Bock in seinem „New Kreuterbuch“:

„Der Samen von dem Rainfarn ist ins geschrei kommen, daß er mit Honig und Wein eingedruncken die würmer sol außtreiben, den bauchschmerz stillen und den Schweiß austreiben. Andere krafft und vermögen des Rainfarns seindt wie der Chamillenblumen und Metterkraut.“

Neben dieser recht sachlichen Beschreibung zur nützlichen Anwendung dieser Heilpflanze, wurde dem Rainfarn, im vom Hexenwahn und Aberglauben geprägten Spätmittelalter, auch ein anderer Ruhm zu Teil. Aus den Gerichtsakten der Hexenprozesse erfährt man, dass aus Rainfarn, Nießwurz, Haselwurz, Ei und Butter eine Salbe bereitet worden wäre, mit der sich die Hexen die Fußsohlen einrieben, um der Buhlschaft mit dem Teufel fröhnen zu können.

Weit verbreitet war im Mittelalter auch der Brauch, die Pflanze zur Vertreibung von Flöhen und Motten einzusetzen. In Russland nutzte man schon vor langer Zeit den Rainfarn als Hopfenersatz bei der Bierherstellung und streute ihn gerieben über rohes Fleisch um die Fliegen fern zu halten.


Beschreibung

Der Rainfarn verdankt seine Bezeichnung seinem Vorkommen. Oft findet man ihn an Ackerrändern, die man früher als Feldrain oder Rain bezeichnete. Rainfarn diente früher insbesondere als Wurmmittel. In hohen Konzentrationen diente er zur Abtreibung.

Rainfarn enthält in großen Mengen das Nervengift Thujon. Aufgrund des schwankenden Thujon-Gehalts besteht die Gefahr starker Nebenwirkungen, so dass er heute nur noch in der Homöopathie zur Behandlung von Erschöpfung und Krämpfen eingesetzt wird.

Der Rainfarn ist eine kräftige, widerstandsfähige Pflanze mit einem derben, bis zu einen Meter langen Stengel, farnähnlichen Blättern und goldgelben, knopfförmigen Blütenköpfchen ohne Randblüten. Der Rainfarn kommt auf Wiesen, Weiden als lästiges, weil vom Vieh gemiedenes Unkraut, auf Waldschlägen, unbebauten Plätzen, Böschungen, Eisenbahndämmen, an Ackerrainen, Wegrändern, Bachufern, Flußufern, Hecken, in Gräben und Gebüschen vor. Der Wurzelstock des Rainfarns ist ästig, kriechend, und dick. Die aufrecht stehenden, purpurbraunen Stengel sind kahl, manchmal schwach behaart, unverzweigt oder doldenrispig ästig und fast rund. Die großen Blätter sind doppelt fiederspaltig, wechselständig. lanzettlich, kurz gestielt und besitzen krause, fiederteilige oder gezähnte Fiedern, sowie beiderseitig zahlreiche Öldrüsen. Die von Juni bis Oktober blühenden endständigen, gelben Blüten sind lang gestielt, beinahe halbkugelig und zu flachen Trugdolden vereinigt. Zerreibt man die Blätter und Blüten des Rainfarns, tritt ein durchdringender, campferartiger, aromatischer Geruch auf. Der Geschmack ist widerlich bitter, gewürzhaft.

Rainfarn
Rainfarn

Bezeichnungen

Rainfarn gehört zur Familie der Korbblütler. Die botanische Bezeichnung ist Tanacetum vulgare L.. Das Mönchslatein des Mittelalters bezeichnete den Rainfarn als „tanaceum„, „atanacetum“ und „athanasia“, also mit Ausdrücken, die ebenso wie das lateinische Wort „tanaceto“ und somit auch der wissenschaftliche Gattungsname „Tanacetum“ aus dem griechischen Sprachschatz abgeleitet sind (thanein -> sterben; athanatos -> unsterblich). Ein Grund für diese Gattungsbezeichnung könnte der Umstand sein, dass die im Winter grünen Blätter unsterblich erscheinen. Auch könnten die Blüten Ursache für diese Bezeichnung sein. Sie behalten selbst beim Trocknen lange ihr frisches Aussehen. Der Artname des Rainfarns sagt aus, dass er eine vulgäre, also eine allgemein vorkommende oder auch gewöhnliche Pflanze ist.

Als Synonym findet man in der Literatur die botanische Bezeichnung Chrysanthemum vulgare durch die der Rainfarn einer anderen Gattung zugeordnet wird.

Landestypische Bezeichnungen beziehen sich meist auf sein Aussehen oder seine Wirkung. So bezeichnet man ihn auch als Wurmkraut und nimmt damit Bezug auf seinen traditionellen Einsatz zur Beseitigung von Würmern.

Indikationen

Traditionell verwendete man die Pflanze als Wurmmittel gegen Spulwürmer (Ascariden), Madenwürmer (Oxyuren), Rheumatismus, Steinbeschwerden, Fieber, Magenkrämpfe, Schwindelanfälle, Hysterie, Migräne, krampfhafte Unterleibsbeschwerden, Harnbeschwerden, Darmparasiten, Blasenleiden. Ferner wurde sie genutzt um die Menstruation zu regulieren und die Verdauung zu fördern. Ein aus Rainfarn erstelltes Mundwasser wurde früher zur Linderung starker Zahnschmerzen eingesetzt. Darüber hinaus wurde die Pflanze als Insektizid eingesetzt. Die zur Blütezeit gesammelten und in ganzen Sträußen getrockneten Pflanzen, nutzte man um Mücken und Motten zu vertreiben oder Kopfläuse und Flöhe zu beseitigen.

Rainfarn Anwendung und Heilwirkung

Rainfarn wird heute nur noch in der Homöopathie eingesetzt. Er enthält in hohen Konzentrationen das Nervengift Thujon, darüber hinaus Campher und über 20 Sesquiterpenlactone, die Kontaktallergien auslösen können. Durch die missbräuchliche Verwendung von Rainfarn, insbesondere von Rainfarnöl oder großer Mengen der Pflanze, kam und kommt es immer wieder zu schweren Vergiftungen. In der Vergangenheit nutzte man sie als Abtreibungsmittel, oft mit schlimmsten Folgen.

Im Mittelalter verwendete man den Rainfarn als Gewürz für Omeletten und Pudding. Der Geschmack wurde als angenehm überliefert. Tägliche Einnahme sollte bei Gicht helfen. Verwendet wurden die blühenden Köpfchen, die man von Juli bis September erntete und anschließend trocknete.

Noch im letzten Jahrhundert wurde der Rainfarn verwendet. So bereitete man einen Tee aus den Blättern oder Blüten als Mittel gegen Spulwürmer, Madenwürmer, Rheumatismus, Blasenleiden, Harnbeschwerden und Steinbeschwerden. Der Rainfarn-Tee wird mit einer ähnlichen Wirkung wie Wermut beschrieben. Er erwärmt, belebt und stärkt den Magen, pflegte meine Großmutter immer zu sagen. Von diesem Tee nahm man traditionell stündlich einen Esslöffel.

Ein Tee nur aus Rainfarnblüten, mit Milch und etwas Zitronensaft, wird als hilfreich bei der Behandlung von Fieber und Unruhe beschrieben.

Blätter und Blüten (75g) in Wein (3/4Liter) gekocht, galt als sehr gutes Mittel gegen Magenkrämpfe, Schwindelanfälle und Hysterie, wenn man davon alle zwei Stunden einen Eßlöffel einnahm.

Rainfarnöl verwendete man bei krampfhaften Unterleibsschmerzen. Dazu verabreichte man 4 bis 8 Tropfen auf Zucker. Ansonsten nutzte man das Öl nur äußerlich zur Einreibung, beispielsweise zur Behandlung von Rheumatismus.

Kneipp empfahl den Rainfarn -Tee in Verbindung mit Heidelbeerblättern bei Diabetes.

Noch in den 50-er Jahren empfahl man einen Infus aus 10g Rainfarnkraut oder Rainfarnblüten und zwei Tassen Wasser täglich zur Behandlung von Würmern, Blähungen, Verstopfung und Verdauungsbeschwerden. Allerdings bereits mit dem Hinweis, dass die angegebene Menge zur innerlichen Anwendung auf keinen Fall überschritten werden darf. Äußerlich riet man das Rainfarn-Öl zur Behandlung von gichtigen und rheumatischen Schmerzen zu verwenden.  

Die beschriebenen Wirkungen und Anwendungen sind aus heutiger Sicht nicht mehr zu empfehlen. Aufgrund seiner Giftigkeit sollte Rainfarn ausschließlich homöopathisch eingesetzt werden. Alle Rainfarnarten sind giftig. Eine Überdosierung kann fatale Folgen haben. Aufgrund des schwankenden Thujon-Gehalts ist eine genaue Dosierung kaum möglich.