Hirtentäschel


In der Antike und im Mittelalter war der Hirtentäschel ein hoch geschätztes Heilkraut. Dioskurides schrieb über das Hirtentäschel

Der Same ist scharf erwärmend, er führt die Galle nach unten und oben ab, wenn ein Essignäpfchen voll davon genommen wird. Er wird aber auch bei Ischiasschmerzen im Klistier angewandt. Genossen führt er das Blut ab und öffnet die innerlichen Abszesse. Er befördert die Katamenien und tötet die Leibesfrucht.

Hieronymus Bock empfahl das Hirtentäschel später bei roten und weißen Bauchflüssen, Blutharnen, Blutspeien, zu starker Menstruation und innerlicher Versehrung, äußerlich gegen Nasenbluten und zum Waschen frischer Wunden. Mit dem ausklingenden Mittelalter verlor das Hirtentäschel seine Bedeutung und wurde mit Missachtung gestraft.

Erst im 1. Weltkrieg erinnerte man sich an die Beschreibungen des Hirtentäschels durch Hieronymus Bock. Auf der Suche nach blutstillenden Mitteln und aufgrund des Mangels an Kanadischer Gelbwurz und Mutterkorn stieß man auf diese aussergewöhnliche Heilpflanze und erweckte ihr ehemals hohes Ansehen zu neuem Leben.

Botanik

Wem ist nicht aus der Kindheit das Hirtentäschel in Erinnerung. Gibt es doch kaum ein gewöhnlicheres Pflänzchen, das je nach der Bodenbeschaffenheit mal kümmerlich von Wuchs, mal üppig entfaltet fast überall zu finden ist. Botanisch wird mit Hirtentäschel eine Gattung aus der Familie der Kreuzblütler bezeichnet zu der viele Arten gehören. Aus Sicht der Volksmedizin wird die Art Capsella bursa pastoris als Hirtentäschel oder Gewöhnliches Hirtentäschelkraut bezeichnet. Hirtentäschel ist ein einjähriges bis zweijähriges Kraut mit rossettig angeordneten Grundblättern aus denen sich bis zu 50 cm hohe, aufrechte Stengel erheben an denen weiße, kleine Blüten in Trauben sitzen. Pflanzen, die sich im Frühling aus keimenden Samen entwickeln, sterben im Spätherbst ab. Im Herbst keimende Samen überwintern als Blattrosette und blühen erst im darauffolgenden Jahr. Unverkennbar ist diese Heilpflanze durch ihre verkehrt herzförmigen Früchte, die an eine Schäfertasche erinnern. Ihnen verdankt sie ihren Namen.

Hirtentäschel
Hirtentäschel

Bezeichnungen

Wissenschaftlich wird diese Heilpflanze als Capsella bursa pastoris bezeichnet. Der Name Hirtentäschel ist eine direkte Übersetzung der wissenschaftlichen Bezeichnung für die Art, bursa pastoris. Die Gattungsbezeichnung Capsella stammt von capsula -> kleine Kapsel. Es ist offensichtlich, das sich sowohl Gattungs- als auch Artbezeichnung auf die kleinen Taschenförmigen Schoten dieser Heilpflanze beziehen. Weitere volkstümliche Namen sind Hirtentäschchen, Hirtentäschelkraut, Täschelkraut, Taschenkraut, Bauernsenf, Thlaspi, Seckelkraut, Hirtenseckel, Hirtentasch, Beutelschneiderkraut, Taschendieb, Blutwurzkraut (wie Tormentill). Letztere Bezeichnung nimmt Bezug auf die gefässverengende und damit blutstillende Wirkung des Hirtentäschels.

Indikationen

Hirtentäschel dient traditionell als ausgezeichnetes blutstillendes Mittel. Hirtentäschel wurde eingesetzt bei Menstruationsstörungen, Lungenblutung, Magenblutung, Nierenblutung, Gebärmutterblutung, Hämorrhoidalblutung, Nasenbluten, Wechselfieber, Durchfall, Ruhr, Koliken in Darm oder Leber, Milzanschwellung, Gelbsucht, Wunden, Appetitlosigkeit, Nierengriess, niedrigen Blutdruck mit langsamer Herztätigkeit, hoher Blutdruck mit Pulsbeschleunigung, Gelenkrheumatismus, Balsenentzündung, Nierenentzündung, Entzündung der Gallengänge und Gallensteinen. Hirtentäschel ist ein wehnenanregendes Mittel.

Verwendung in der Homöopathie

In der Homöopathie wird Hirtentäschel zur Behandlung von Amenorrhö, Menorrhagie, Metrorrhagie, Blutungen, Nieren- und Blasenaffektion mit einhergehender Blutung, Hämorrhoidalblutung, Nierengriess, Steinbildung und Harnsäureretention verwendet.

Hirtentäschel Anwendung und Wirkung

Verwendet wird das von April bis September gesammelte Kraut, das man im unteren Teil des Stengels abschneidet und im Schatten trocknet. Dioskurides beschrieb lediglich die Verwendung der taschenförmigen Schötchen des Hirtentäschels.

Traditionell wurde überwiegend Tee und Absud bereitet. Vereinzelt wird auch die Verwendung der frischen Blätter als spinatartiges Gemüse beschrieben. Frisch gekochtes Hirtentäschelkraut galt als gutes Beruhigungsmittel bei Erregung.


Hirtentäscheltee

Für einen Hirtentäscheltee überbrüht man 1 bis 2 Teelöffel Hirtentäschelkraut mit 200ml kochenden Wasser und lässt den Tee anschliessend 15 Minuten ziehen. Kosch empfiehlt Hirtentäscheltee als Kaltaufguss. Dafür werden 3 Teelföffel Hirtentäschel mit 250ml Wasser angesetzt und 8 Stunden stehen gelassen. Anschliessend filtert man den so erhaltenen Auszug. Von diesen Kaltauszug empfiehlt Kosch 2 Gläser täglich bei den meisten unter Indikationen aufgeführten Beschwerden.

Zur äusserlich Anwendung wird ein Absud von Hirtentäschel verwendet. Bei äusseren Verletzungen und Quetschungen wird die Wunde zunächst mit starken Hirtentäschel-Absud ausgewaschen. Anschliessend wird ein in Hirtentäschelabsud getränkter Leinenlappen auf die Wunde gelegt. Mit starken Hirtentäschel-Absud kann auch Nasenbluten gestoppt werden. Dazu wird der warme Hirtentäschelabsud in die Nase gezogen.

Hirtentäschelsaft

Frisch gepresster Hirtentäschelsaft wirkt blutstillend, stuhlfördernd und blutdruckregelnd. Hirtentäschelsaft dient traditionell als ausgezeichnetes Mittel bei Unterleibsblutungen, Harnwegsblutungen, Lungenblutung, Magenblutung, niedrigen oder hohen Blutdruck, erschlaffter Darmmuskulatur, Nasenbluten und Wehenschwäche. Innerlich wird durch Ripperger eine Maximaldosis von 30ml Hirtentäschelsaft angegeben. Äusserlich wurde Hirtentäschelsaft als Auflage auf blutende Wunden verwendet.

Hirtentäschelwein

Für einen Wein wurde pulverisiertes Hirtentäschelkraut in Wein gelöst. Hirtentäschelwein galt als ausgezeichnetes Mittel zur Behandlung von Leibschmerzen, Blutfluss und Blutspeien.

Hirtentäscheltinktur

Zur Bereitung einer Hirtentäscheltinktur werden 50g Hirtentäschelkraut mit 250ml hochprozentigen Weingeist und 125ml Wasser gemischt 14 Tage an einem warmen Ort stehen gelassen. Anschliessend wird die Mischung abgeseiht. Die so erhaltene Hirtentäscheltinktur wird bei allen zuvor beschriebenen Indikationen eingesetzt (Bis zu maximal 5 mal 30 Tropfen täglich).

Rezepte nach Madaus 1938

Hirtentäschel bei Uterusblutungen:

Rp.:
Hb. Bursae pastoris conc. . . . 30 (= Hirtentäschelkraut)
D.s.: 6 Teelöffel voll mit 2 Glas Wasser kalt ansetzen, 8 Stunden ziehen lassen und tagsüber trinken.
(Teezubereitung: Der Extraktgehalt des im Verhältnis 1 : 10 heiß angesetzten Tees beträgt 2,1% gegenüber 2,2% bei kalter Zubereitung. Die entsprechenden Aschen betragen 0,64 und 0,65%. Die Peroxydasereaktion ist in der kalten Zubereitung sofort, in der heißen Zubereitung nach zwei Minuten positiv. Geschmacklich ist kein Unterschied. Ein im Verhältnis 1 : 50 angesetzter Tee ist noch trinkbar.
1 Teelöffel voll wiegt 2,3 g. Geschmacklich konnte zwischen beiden Zubereitungen kein Unterschied festgestellt werden. Im Hinblick auf den hohen Extraktgehalt wird der Tee zweckmäßig kalt angesetzt.)

Hirtentäschel bei Nierengrieß (nach Rademacher):

Rp.:
Tincturae Bursae pastoris Rademacheri (Zubereitung: Die Tinktur wird aus fünf Teilen zerquetschtem frischen Kraut mit sechs Teilen Weingeist bereitet.) D.s.: 30 Tropfen fünfmal täglich.

Hirtentäschel bei Leukorrhöe (nach Georg):

Rp.:
Hb. Bursae pastoris conc. (= Hirtentäschelkraut)
Flor. Lamii albi . . . aa 50 (= Weiße Taubnesselblüten)
M.f. species.
D.s.: 3 Teelöffel voll auf 2 Glas Wasser.

Hirtentäschel bei Menorhagien (nach Kroeber):

Rp.:
Hb. Bursae pastoris (= Hirtentäschelkraut)
Hb. Polygoni avicul. . . . aa 30 (= Vogelknöterichkraut)
Stip. Visci albi . . . 40 (= Mistelzweige)
M.f. species.
D.s.: Zur Abkochung. Früh und abends 1 Tasse warm trinken.
Zubereitungsvorschlag des Verfassers: 2 Teelöffel voll auf 2 Glas Wasser.

Hirtentäschel bei Nierenblutungen (nach Joesche):

Rp.:
Hb. Bursae pastoris (= Hirtentäschelkraut)
Hb. Equiseti . . . aa 50 (= Schachtelhalmkraut)
M.f. species.
D.s.: 2 Teelöffel voll auf 2 Glas Wasser.

Hirtentäschel bei Lungenblutungen (nach Kalkowski):

Rp.:
Hb. Bursae pastoris (= Hirtentäschelkraut) Hb. Polygoni avicularis (= Vogelknöterichkraut)
Rad. Tormentillae (= Tormentillwurzel)
Stip. Visci albi . . . aa 25 (= Mistelzweige)
M.f. species.
D.s.: 2 Teelöffel voll auf 2 Glas Wasser

Hirtentäschel in der evidenzbasierten Medizin

In der evidenzbasierten Medizin wird Hirtentäschel eine blutstillende Wirkung zugesprochen auch wenn sie nicht erklären kann, wie es zu dieser Wirkung kommt. Trotz jahrhunderte langer Erfahrung wird die Heilpflanze bei Gebärmutterblutungen nicht mehr verwendet, weil die Wirkung zu schwach und zu unzuverlässig wäre. Empfohlen wird Hirtentäschel aus Sicht der evidenzbasierten Medizin zur unterstützenden Behandlung Nasenbluten, kleineren Hautverletzungen und übermässiger Monatsblutung, wenn keine ernsteren Ursachen vorliegen.

Gegenanzeigen und Nebenwirkungen

Entgegen der traditionellen Verwendung beschreibt Kionka eine reizende Wirkung auf Wunden. Während der Schwangerschaft sollte Hirtentäschel aufgrund der Uterus-anregenden Wirkung nicht eingenommen werden. Die vorgeschriebene Dosierung sollte eingehalten werden.

Anbieter und Preis

Hirtentäschel ist als sogenanntes Unkraut leicht zu finden, so dass auch hier ans Herz gelegt wird, diese Heilpflanze selber zu sammeln. Wer Hirtentäschel kaufen möchte, findet im Handel ein vielfältiges Angebot. Im Kräuterhandel liegt der durchschnittliche Preis für 100g Hirtentäschelkraut bei 1,50 Euro. 100ml Hirtentäscheltinktur gibt es für durchschnittlich 6,50 Euro zu kaufen.

Inhaltsstoffe

Allylsenföl-Glykosid, das Alkaloid Bursin, Cholin, Schwefel, Tyramin,Flavonoide wie Rutin und Diosmin, grosse Mengen Kalium- und Calziumsalze, Kaffeesäurederivate und Aminosäuren.