Wilde Möhre


Die Wilde Möhre ist eine schon sehr lange genutzte Heilpflanze. Hinweise liefern Samenkörner der Wilden Möhre, die in steinzeitlichen Pfahlbauten gefunden wurden. Wen wundert es also, dass unsere germanischen Vorfahren die Wilde Möhre als Nahrungs- und Heilpflanze nutzten. Sie kultivierten die Wilde Möhre schon in vorchristlicher Zeit.


Auch die alten Griechen und Römer kannten die Wilde Möhre. Dioskurides beschrieb die Wilde Möhre und empfahl die Samen getrunken oder im Zäpfchen eingelegt zur Förderung der Menstruation, gegen Harnverhaltung, Wassersucht, Brustfellentzu?ndung sowie vorbeugend gegen Bisse und Stiche giftiger Tiere. Die Wurzel indes ist nach Dioskurides harntreibend und fördert den Geschlechtstrieb. Als Zäpfchen eingelegt soll sie abtreibend wirken. Die fein gestoßenen Bla?tter der Wilden Möhre mit Honig vermischt, beschrieb Dioskurides als gutes Mittel zur Reinigung krebsartiger Geschwüre. Möhrenwein, den Dioskurides aus den Wurzeln der Wilden Möhre und Most bereitete, setzte er zur Behandlung von Brustschmerzen, Unterleibsbeschwerden, Geba?rmutterleiden, Husten, Krämpfen und inneren Rupturen ein. Darüber hinaus diente Dioskurides Möhrenwein zur Beförderung des Harns und der Menstruation.

Wen wundert es, dass im ausgehenden Mittelalter und der Rennaissance die Wilde Möhre in nahezu jedem Kräuterbuch Erwähnung findet, beziehen sich die alten Kräuterbücher doch überwiegend auf die Medica Materia des Dioskurides.  Bereits im frühen Mittelalter, im 9. Jahrhundert, empfahl Karl der Große die Wilde Möhre in seinem Capitulare de villis zum Anbau.

Im 16. Jahrhundert schrieb Hieronymus Bocks Schüler, Jacobus Theodorus, der sich selber Tabernaemontanus nannte, über den innernen Gebrauch der Wilden Möhre:

Es seynd die Wurtzeln der Möhren und sonderlich aber die geelen und weissen unsern Küchen so gemein worden als jrrgend ein ander Gemüss jmmer seyn mag: dann man die täglich mit Hammel oder Rindfleisch pflegt zu sieden welche dem Fleisch unnd der Suppen oder Brühen einen guten Geschmack mittheilen, sondern sie seynd auch fast dienstlich denen, so das Hauptwehthumb haben von der geelen Gallen, dessgleichen den Miltzsüchtigen, und sind sonderlich dienstlich denen die verstopffungen der Nieren und Blasen haben, fürdern den Harn, seynd fast bequem in der Harnwinde und dem tröpfflingen harnen. Möhren seynd dienstlich den schwachen Mannspersonen die zu den ehelichen Wercken ungeschickt seynd, dessgleichen den erkalten unfruchtbaren Weibern, unnd machen den Seugammen viel Milch, dienen wol den magern Leuten, dann sie geben ziemliche gute Nahrung, und machen feyst, und den Leib zunemmen. Etliche hölen diese Möhren auss, nemmen gute Kalbfleisch und ein wenig Speck, hackens klein unnd vermischen Eyerdotter darunter, thun kleine Roseinlein unnd ziemlich Saltz darzu, füllen die Rüben darmit, darnach rösten sie die in Buttern biss sie braun werden, darnach schütten sie ein gute Rinds- oder Ochsenfleischbrüh darüber, lassens wol sieden, so wird es eine gesunde wolschmeckende Speiss. Etliche bereyten Fültzel mit Zwibeln und Knoblauch, aber die erste ist besser und gesünder. Andere bereyten das Fültzel mit guten Kreutern, als Maieran, Thymian, Quendel unnd Rossmarin, thun darzu gebrochene Pfefferkörner unnd ein wenig Muschatenblüth. Geel Möhren in der Aschen weych gebraten und wann man zu Beth will gehen, gessen, das macht den Seugmüttern uberauss viel Milch. Die rote Möhre, wiewol sie auch jhren Gebrauch in der Küchen hat, so wird sie doch selten mit dem Fleisch gekocht, wie die geel und weisse. Darauss macht man Winterszeit gute Salat, wann man andere Salatkreuter nicht haben kan, so seudet man dieselben, biss sie weych werden, darnach macht man das Oberhäutlein darvon, zerschneid sie scheubelechtig, wie man die Rättich zu schneiden pflegt, geuss Essig und Baumölen darüber unnd Saltz, so viel genug ist, so gibs einen herrlichen Salat…


1685 empfahl Hippokrates Mohrrübenwasser gegen erfrorene Füße und als Gurgelwasser. 1730 weist der Kräutermannsche Zauberarzt auf einen ähnlichen Gebrauch des Möhrrübensaftes hin. Der Simmentaler Volksarzt empfahl für den selben Zweck eine Gemüsesalbe, deren Hauptbestandteil Wilde Möhre war. Im 20. Jahrhundert schätzte Kräuterpfarrer Künzle die Möhre nicht nur als gute, milde und nahrhafte Speise, sondern auch als nützliche Arznei gegen alle Schwächen in Leber, Nieren, Milz und Blase, weil die Möhre den Urinabgang fördere. Wobei der Wilden Möhre ein weitaus höherer Heilwert zugesprochen wurde, als den kultivierten Formen. Künzle empfahl die klein geraspelten Wurzeln der Wilden Möhre äußerlich bei Furunkeln, Brandwunden und zur Milderung von Krebs und Lupus. Gekocht und eingenommen bezeichnete Künzle die Wurzeln der Wilden Möhre als gutes Mittel gegen Gelbsucht und Gallenfieber. In Milch gekocht empfahl er die Wurzel der Wilden Möhre den Schwindsüchtigen. Die frischen zerstossenen Blätter der Wilden Möhre verwandte Künzle als Auflage zur schnellen Heilung frischer Wunden. Einen Absud des Krauts von Wilden Möhren nutzte Künzle äußerlich zum Heilen von Frostbeulen, aufgesprungenen Wunden, als Gurgelwasser bei Zahnweh, Mundfäule und Mundgeschwulsten. Rohe Möhren empfahl Künzle als Wurmmittel.


Botanik

Die Wilde Möhre gerhört zur Familie der Doldenblüter (Umbelliferae). Sie ist die Urform aller kultivierten Möhren und wird in vielen Ländern als Heilpflanze geschätzt.


Die wilde Möhre wächst bevorzugt auf Magerwiesen. Optisch unterscheidet sie sich von ihren kultivierten Formen. Das oberirdische, verzweigte Kraut erreicht eine Wuchshöhe von bis zu 120 cm. Die Wurzel selbst ist weiss während kultivierte Formen ein vielfältiges Farbspektrum aufweisen. Man findet Möhrenwurzeln in weiss, gelb, leicht rosa, tief rot bis hin zu dunkelviolett.


Wilde Möhre Wurzel
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Wilde Möhre
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Wilde Möhre Bezeichnungen

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