Giersch


Der Giersch ist den meisten Gärtnern als schwer zu bekämpfendes Unkraut bekannt. Geschichtlich wird wenig über ihn berichtet.

Erste Aufzeichnungen finden sich im Mittelalter und der Renaissance bei Thal, Bauhin, Matthiolus und Tabernaemontanus. Letzterer schrieb über den Giersch:

Wiewohl der Geyßfuß ein verachtetes unnd unachtsam Kraut ist, so hat es doch auch seinen Gebrauch in der Artzeney überkommen und wird insondere höchlich gelobt zu dem Zipperlein (Gicht), Gliedsucht und Hüfftwehe. Deßgleichen zu den faulen Fiebern in Wein gesotten unnd morgens und abends darvon getruncken oder sonst zu Getränken gebraucht.
Wider die faulen Fiebern soll man die Gierschwurzel zu Pulver stossen und darvon ein Quintlein mit Wein darinn Geyßfüsselkraut gesotten worden, etliche Tag nacheinander warm trincken und darauff schwitzen…Der Giersch (Geyßfüssel), äusserlich Pflastersweiß übergelegt oder damit gebadet, ist ein gute Artzeney wider das Zipperlein (die Gicht), Gliedtsucht und die Schmerzen der Hüfft.
Schweißbäder darvon gemacht unnd deß Pulvers ein Quintlein mit Wein getruncken wann man in ein Schweiß will gehen und wolgeschwitzt, verhütet den Menschen vor dem Zipperlein und Gliedsucht, vertreibt das kalt und laufende Gegicht in den Gliedern.
Es ist auch der Geyßfüssel den Wundärtzten bekannt geworden, denn sie es zu Heilung der Wunden und allen Schäden gebrauchen, wie es dann in der Warheit ein fürtreffentlich Wundkraut ist.

Anfang des 20-sten Jahrhunderts verwendete der Schweizer Kräuterpfarrer Künzle den Giersch. Künzle nannte ihn eine herrliche Medizin und verwendete ihn bei Gicht, Rheuma, Krampfadern, Bissen, Stichen, Würmern, Verstopfung, Husten, Lungenkatarrhen und Zahnschmerzen.

Neben der Verwendung als Heilpflanze, stand im Mittelalter die Verwendung als Nahrungspflanze im Vordergrund. Im 14. Jahrhundert soll der Giersch als Wildgemüse und Salat am polnischen Königshof sehr geschätzt worden sein. In den Klostergärten baute man ihn sogar an. Schließlich ist der Giersch ein Wildgemüse, dass keinerlei Pflege benötigt und aufgrund seiner Zähigkeit Gärtner zur Verzweiflung treibt. Ein Schelm, wer dem geplagten Gärtner rät dieses Heilkräutlein zu bekämpfen indem er es jätet, denn aus den kleinen gebrochenen Wurzeln entstehen lauter neue Gierschpflänzchen. Wie nützlich scheint es da, die eigene Sichtweise zu verändern und diese Heilpflanze als wertvolle Gemüse- und Salatpflanze zu sehen und sie nach Bedarf zu ernten. Giersch enthält sehr viel Vitamin C, Carotin, Eisen und wurde schon von der Äbtissin Hildegard von Bingen seiner Lebenskraft schenkenden Eigenschaften wegen gelobt.

Botanik

Der Giersch ist eine ausdauernde, bis zu einem Meter hohe Staude aus der Familie der Doldenblütler. Der Stengel ist aufrecht, unten hohl und nach oben hin ästig. An ihm sitzen wechselständig unten doppelt dreizählige, oben einfach dreizählige eiförmige, ungleich kerbig gesägte Blätter. Von Mai bis September bilden sich kleine weißliche Blüten, die sich zu ansehnlichen Dolden vereinen.

Gierschblatt
Gierschblatt

Giersch
Giersch

junge Gierschpflanze
junge Gierschpflanze

Bezeichnungen

Wissenschaftlich wird der Giersch nach Linné als Aegopodium podagraria bezeichnet. Die Gattungsbezeichnung bezieht sich auf die einem Ziegenfuß ähnelnden Blumenblätter, aigipodes -> ziegenfüßig. Der Artname podagraria weist den Giersch als Heilpflanze gegen die Gicht aus.

Weiter volkstümliche Bezeichnungen für den Giersch sind Podagrakraut, Geißfuß oder Zipperleinkraut.

Indikationen

In der Naturheilkunde wird Giersch bei Gicht, Rheuma, Nierenschwäche, Blasenleiden, Hämorrhoiden, Vergiftungen (Blutvergiftung), Wunden, Ischias, Krampfadern, Bissen, Würmern, Darmstörungen (Wechsel zwischen Durchfall und Verstopfung), Husten, Lungenkatarrhen, Zahnschmerzen und Insektenstichen verwendet.

Verwendung in der Homöopathie

In der Homöopathie wird die Pflanze zur Behandlung von Gicht und Rheuma eingesetzt.


Giersch Anwendung und Wirkung

In der Volksheilkunde wird Giersch meist nicht in Teeform, sondern in Form von Salat, Gemüse und äußerlich als Auflage oder Badezusatz angewendet. Dazu werden die frischen jungen Gierschblätter bevorzugt im Frühjahr gesammelt. Künzle empfahl die jungen Gierschblätter bei Gicht, Wurmbefall, Verstopfung und Rheuma frisch als Salat zu essen. Äußerlich werden die frischen zerdrückten Gierschblätter bei Wunden, Bissen und Stichen aufgelegt. Ein Absud aus gedörrten Gierschwurzeln wird als Badezusatz bei Rheuma, Gicht und Krampfadern eingesetzt. Bei der Behandlung von Gicht und Rheuma nutzt man Gierschblätter in der Naturheilkunde immer äußerlich und innerlich in Kombination. Bei Rheuma empfahl Kräuterpfarrer Künzle zusätzlich, Gierschblätter als Schuheinlage tragen.

Weniger gebräuchlich ist die Verabreichung von Giersch als Tee.

Gierschtee

Gierschtee wird als hilfreich beschrieben bei Gicht, Rheuma, Husten und Lungenkatarrh. Für einen Gierschtee werden 3 Teelöffel Gierschkraut mit 250ml kochenden Wasser übergossen und 10 Minuten ziehen gelassen. Künzle empfahl statt der Gierschblätter die Gierschblüten zu verwenden und sie bei Husten und Lungenkatarrh mit Wacholder und Salbei zu mischen.

Ein stärkerer Gierschtee oder Dekokt wird äußerlich in Form von Umschlägen verwendet.

Giersch Rezepte

Frühlingssalat

Giersch ist ein sehr wohlschmeckendes Gemüse und kann in der Küche vielseitig verwendet werden. Besonders empfohlen wird in der Naturheilkunde ein Frühlingssalat. Dafür werden bevorzugt die noch ganz jungen, glasig aussehenden Gierschtriebe verwendet und mit anderen Kräutern wie Gänseblümchen, Veilchen, Schlüsselblumen, Brunnenkresse, Löwenzahnrosetten, Knoblauchsrauke, Schafgarbe, Odermennig, Pimpinelle und/oder Bärwurz gemischt.

Käutersuppe nach Storl

Wolf Dieter Storl empfiehlt in seinem Buch Heilkräuter und Zauberpflanzen eine Kräutersuppe mit Gierschkraut. Dafür verwendet er 160g Suppenwildkräuter gemischt im Verhältnis 1:1, wie Giersch, Brennnessel, Wegerich und Vogelknöterich, 40g Hafergraupen, 1 Karotte, 2 Zwiebeln, 10g Fett und 1 Tasse Sauerrahm. Die Hafergraupen werden gar gekocht und die Kräuter anschließend zusammen mit der Karotte hinzugefügt, nochmals 15 Minuten kochen gelassen und zum Schluß die zuvor angebratenen Zwiebeln und der Sauerrahm hinzugegeben. Als besonders lecker hat sich für mich die Zugabe von jungen Trieben des Chinesischen Gemüsebaums erwiesen, der überhaupt den meisten Speisen ein wohlschmeckendes Aroma verleiht. Der Chinesische Gemüsebaum ist winterhart und kann mit geringen Pflegeaufwand im eigenen Garten gehalten werden.

Grüne Suppe – Neunstärke

Für die Grüne Suppe werden 9 heilkräftige Kräuter frisch gesammelt, klein gehackt und mit Hafergrütze gekocht. Traditionell wird oft noch Kuhfleisch oder Speck hinzugegeben. Die 9 Kräuter sind Giersch, Wiesen-Sauerampfer, Löwenzahn, Brennnessel oder weiße Taubnessel, Bibernelle, Bachbunge oder Gänseblümchen, Felsen-Mauerpfeffer, Schafgarbe und Waldsauerklee.

Eingelegter Giersch nach Storl

Giersch kann wie Sauerkraut eingelegt werden. Dazu nimmt man auf 1 Kilo Kraut 40g Salz. Es werden die Blätter mit Stengeln gepflückt und mit kochenden Wasser überbrüht. Der Giersch wird anschließend schichtweise à 5 cm in ein Faß gelegt wobei jede Schicht mit Salz bestreut und gestampft wird, bis sich Saft bildet. Zum Schluß wird ein Holzdeckel oben aufgelegt, mit einem Stein beschwert und das eingelegte Gierschkraut im kühlen Keller gelagert.

Rezepte nach Madaus 1938

Giersch bei Gicht und Rheuma:

Rp.:

Hb. Aegopodii podagrariae . . . 40 (= Gierschkraut)
D.s.: 3 Teelöffel voll auf 2 Glas kochendes Wasser,10 Minuten ziehen lassen und tagsüber trinken

(Teezubereitung: Der Extraktgehalt eines im Verhältnis 1 : 10 heiß bereiteten Tees ist 1,8% gegenüber 1,7% bei kalter Zubereitung. Der Aschengehalt des Extraktes beträgt bei heißer Zubereitung 0,45%, bei kalter 0,41%. Die Peroxydasereaktion ist in beiden Zubereitungen negativ. Ein im Verhältnis 1 : 50 angesetzter Tee ist eben noch trinkbar, und zwar erscheint er bei der heißen Zubereitung etwas stärker.
1 Teelöffel voll wiegt 1,3 g. Auf Grund dieser Ergebnisse wird der Tee zweckmäßig heiß unter Verwendung von 1 reichlichen Teelöffel voll auf 1 Teeglas bereitet.).

Giersch bei Podagra:

Das zerquetschte Gierschkraut als Umschlag auflegen.

Giersch bei Gicht, Ischias und Rheuma (nach Künzle):

Rp.:
Hb. Aegopodii podagr. (= Gierschkraut)
Fol. Salviae (= Salbeiblätter)
sive Fruct. Juniperi . . . aa 20 (= Wacholderbeeren)
C.m.f. species. D.s.: 2 Teelöffel auf 1 Glas Wasser.

Giersch bei Hämorrhoiden (nach Johnson):

Rp.:
Hb. et Rad. Aegopodii pod. . . . 100 (= Kraut und Wurzel vom Giersch)
D.s.: Abkochen und den Absud einem Sitzbad zufügen oder das frisch gesammelte Kraut brühen und so heiß es vertragen wird, auf die Hämorrhoiden auflegen.

Giersch in der evidenzbasierten Medizin

Bisher wurden durch die evidenzbasierte Medizin keine Inhaltstoffe gefunden, welche die Wirksamkeit bei den durch die Naturheilkunde angegebenen Beschwerden belegen würde. Einzig ein hoher Kaliumgehalt spricht aus Sicht der evidenzbasierten Medizin für eine entwässernde Wirkung. Giersch findet daher in der evidenzbasierten Medizin keine Anwendung.

Gegenanzeigen und Nebenwirkungen

Für den Giersch sind, bei ausgeglichener Dosierung, keine Nebenwirkungen bekannt. Aus Sicht der evidenzbasierten Medizin sollte die Gierschwurzel, aufgrund der in ihr enthaltenen Polyine, wie Falcarindiol und Lektin, nur äußerlich Verwendung finden.

Anbieter und Preis

Giersch gilt als lästiges und schwer ausrottbares Unkraut. Man findet ihn sehr häufig in Gärten, auf Feldern, in Laubwäldern, Gebüschen, unter Hecken. Die Pflanze oder gar Zubereitungen zu kaufen macht daher wenig Sinn, zumal Giersch traditionell frisch in Form von Salaten oder als Gemüse bereitet wird. Die Angabe von einem durchschnittlichen Preis erübrigt sich daher.

Inhaltsstoffe

Ätherisches Öl, Flavonoide, Phenolcarbonsäuren, Kalium, Carotin, Vitamin C, Spurenelemente wie Eisen, Kupfer, Mangan und Bor.