Ist es ungesund vegan zu leben?


Geht es um eine vegane Ernährung, prallen die Fronten schnell aufeinander. Auf der einen Seite die Veganer, die gute Gründe für Ihre vegane Lebensweise anführen können. Sie reichen von ökologischen bis hin zu moralischen Aspekten. Auf der anderen Seite die Gegner einer veganen Ernährung, die diese als unnatürlich und ungesund einstufen.
Doch ist eine vegane Ernährung wirklich ungesund?

Vegan oder Vegetarisch

Bevor wir diese Frage klären, möchte ich kurz auf die Verwendung des Begriffs Veganer hinweisen. Sie ist eigentlich eine Kunstform, die aus dem Begriff Vegetarier hervorging. Der Begriff Vegetarier stammt aus dem Englischen. Er setzt sich zusammen aus vegetable und arian. Dementsprechend müsste man annehmen, dass bereits ein Vegetarier ausschliesslich Pflanzen isst. Allerdings gab es Strömungen, die den Ursprung des Begriffs Vegetarier nicht im Englischen, sondern im Lateinischen suchten. Lateinisch vegetus, was soviel bedeutet wie, lebendig, kraftvoll.

Donald Watson gründete 1944 die Vegan Society um sich von denjenigen abzugrenzen, die Tierprodukte wie Milch, Käse oder Eier nutzten. Eine Wortschöpfung aus den Anfangsbuchstaben und den am Ende befindlichen Buchstaben des Wortes vegetarian. Es sollte ein Wortspiel darstellen, mit dem er darauf verweist, dass eine vegetarische Lebensweise konsequent zu einer veganen Lebensweise führen sollte.

Es ist unbestritten, dass eine vegetarische Lebensweise keine negativen Auswirkungen zeigt, solange sie nicht einseitig ist. Auf meinen vielen Reisen habe ich viele Landesteile kennengelernt, in denen sich die Menschen fast ausschliesslich vegetarisch ernähren. So beispielsweise in Nordindien.

Anders sieht es hingegen mit einer veganen ernährung aus. Es scheint nicht ein einziges Volk zu geben, das sich ausschliesslich vegan ernährt. Der Grund liegt auf der Hand. Eine rein vegane Ernährung würde in den meisten Fällen zu Mangelerscheinungen führen. Insbesondere zu einem Mangel an Vitamin B12.

Ein Argument, das Fleischliebhaber gerne anführen, um ihren übermässigen Verzehr zu rechtfertigen.

Ist Vitamin B12 ausschliesslich in tierischen Produkten enthalten?

Von ihnen wird gerne die Behauptung in den Raum gestellt, dass Veganer nur durch Nahrungsergänzungsmittel gesund leben könnten: Andernfalls würde ihnen das wichtige Vitamin B12 fehlen, das ausschliesslich in tierischen Produkten enthalten wäre.

Nun ist es zwar richtig, dass Vitamin B12 hauptsächlich in tierischen Produkten steckt, doch gibt es durchaus pflanzliche Alternativen. So enthalten die meisten fermentierten Produkte Vitamin B12. Allerdings nur in geringen Mengen. Wer möchte schon jeden Tag 800g Sauerkraut essen, um den Bedarf zu decken. Zumal dieses Vorgehen zu einer einseitigen und ungesunden Ernährung führen würde. Darüber hinaus würde man zu viel Vitamin K2 zu sich nehmen, das die Blutgerinnung negativ beeinflusst, hin zu einer gesteigerten Gerinnung. Man könnte auch sagen, das Blut wird dick.

Auch Pilze, wie der Shiitake enthalten Vitamin B12. Nur müssten Sie jeden Tag 50g Shiitake Pilze essen, um Ihren Bedarf an Vitamin B12 zu decken. Zwar liegen 50g noch im Rahmen, doch dürfte es schwierig und sehr kostspielig werden, jeden Tag 50g Shiitake Pilze aufzutreiben.

Es gibt jedoch eine Ausnahme und das ist eine Alge, die zum ummanteln von Sushi verwendet wird. Die Nori Alge enthält soviel Vitamin B12, dass bereits 4g getrocknete Alge täglich ausreichen, um den Bedarf eines Erwachsenen an Vitamin B12 zu decken. Darauf weist eine Studie von Mai 2014 hin. Sie rechnet vor, dass 100g getrocknete Nori Alge 77.6 μg Vitamin B12 enthält. 2.4μg werden täglich empfohlen, so dass bereits 4g ausreichen. Darüber hinaus empfiehlt sie den Konsum von Shiitake Pilzen. Nicht nur aufgrund von Vitamin B12, sondern auch weil Shiitake Vitamin D2 und Eisen enthält. Beides tritt ebenfalls oft als Mangel in einer rein veganen Ernährung auf.


So kann man durchaus vegan Leben, ohne Nahrungsergänzungsmittel einzunehmen. Alles was es braucht, ist eine sehr abwechslungsreiche Ernährung, in der Algen einen festen Bestandteil der Nahrung bilden.

Leben Veganer gesünder?

Ob man als Veganer gesünder lebt, kann pauschal nicht beantwortet werden. Es kommt ganz darauf an, wie abwechslungsreich die vegane Ernährung ist. Dass eine rein vegane Ernährung auch ohne Nahrungsergänzungsmittel möglich ist, zeigt die angeführte Studie. Andere Studien attestieren Veganern eine höhere Lebenserwartung, und ein weitaus geringeres Risiko an Krebs oder Diabetes zu erkranken. Wie ernst man solche Studien nehmen kann, muss jeder selbst entscheiden. Denn man kann davon ausgehen, dass Veganer allgemein gesundheitsbewusster leben. Sie werden beispielsweise seltener rauchen und auch sonst vielen Lastern entsagen.

Neben den Aspekten für die eigene Gesundheit, könnte man Veganer also durchaus als sehr bewusste Menschen bezeichnen. Denn neben den Blick auf die Gesundheit, helfen sie in vielerlei Hinsicht, eine Verbesserung der derzeit oft unerträglichen Zustände herbeizuführen.

Allein eine einzige Kuh benötigt eine Fläche von 1ha Land zur Ernährung. Die selbe Fläche könnte mehrere vegan lebende Menschen ernähren. Veganer schonen Ressourcen, verringern Tierleid und wirken vielen ökologischen Fehlentwicklungen entgegen. Wie beispielsweise leer gefischte Meere.


Doch wenden wir den Blick und schauen auf die Bilanz der Fleischesser. Die ist diametral dem der Veganer.

Man kann durchaus davon ausgehen, dass eine Ernährung, reich an tierischen Produkten, ungesund ist. Das beginnt bereits damit, dass in Fleisch Giftstoffe konzentrierter vorliegen. Denn viele Stoffe werden im Fleisch und im Fett der Tiere eingelagert. Besonders problematisch wird es, wenn die Qualität ausser acht gelassen wird und der Konsument nur auf den Preis schaut.

Nun könnten die Nachteile des Fleischkonsums ganze Bücher füllen. Sie reichen von ökologischen, moralischen, bis hin zu gesundheitlichen Aspekten, doch zeigt das Vitamin B12 eindeutig, dass der Mensch kein reiner Pflanzenfresser ist. Auch wenn es Pflanzen und Pilze gibt, die Vitamin B12 enthalten, ist deren ursprüngliches Verbreitungsgebiet so eingeschränkt, dass ein Großteil der Menschen, zumindest in früheren Zeiten, keinen Zugriff darauf hatte.

Ein sicherer Hinweis darauf, dass der Mensch von Natur aus kein Veganer ist. Doch gewiss ist er auch kein reiner Fleischesser. Darauf weisen sein Gebiss und sein langer Darm hin. Auch hätten die wenigsten Menschen Lust, in einen lebenden Hasen zu beissen, wie es für einen reinen Fleischesser typisch wäre.


Bezieht man alle Aspekte mit ein, dürfte sich der Mensch ursprünglich sehr vielfältig ernährt haben. Wobei Fleisch, wie man es bei heutigen Menschenaffen, wie den Schimpansen beobachten kann, eine untergeordnete Rolle spielte. Interessant ist bei diesem Vergleich, dass bei den Schimpansen, zumeist nur männliche Tiere regelmässig Fleisch auf ihrem Speiseplan haben. Weibliche Schimpansen fressen sogut wie kein Fleisch.

So scheint aus gesundheitlicher Sicht, der Mittelweg der einzig richtige Weg zu sein. Eine sehr abwechslungsreiche Ernährung, in der durchaus auch Fleisch enthalten sein darf. Allerdings mit Sicht auf die beste Qualität, statt Quantität.


Leider sind wir davon weit entfernt. Das Gewicht aller weltweit gehaltenen Tiere übertrifft das der Menschen um das Siebenfache! Dabei erdulden diese Tiere ein unbeschreibliches Leid. Ethisch betrachtet, eine der grausigsten Akte der Menschheit. Veganer dürften sich daran kaum beteiligen. Anders sieht es mit Vegetariern aus.

Vegetarier produzieren Leid

Mir fällt immer wieder auf, dass Menschen, die sich als Vegetarier bezeichnen, die Augen verschliessen. Insbesondere die Vegetarier, die als Puddingvegetarier viel Milch, Joghurts und Puddings vertilgen. Mal abgesehen davon, dass das nicht wirklich gut für die Gesundheit ist, sorgen sie für nicht weniger Leid, als jeder Fleischesser. Denn damit so eine Kuh Milch gibt, muss sie jedes Jahr kalben. Die Milch wird kommerziell genutzt, so dass das Kalb ein Abfallprodukt darstellt, das meist sofort zum Schlachter geht. Die Haltungsbedingungen für Milchkühe sind oftmals schlimmer, als die von Rindern für die Fleischproduktion.

Jeder Vegetarier tut also gut daran, nicht auf andere mit dem Finger zu zeigen, sondern die eigene Verantwortung wahrzunehmen.

Neben den Vegetariern gibt es viele Menschen, die Wert auf gute Haltungsbedingungen legen. Sie essen durchaus Fleisch, kaufen dies jedoch möglichst aus biologischer Haltung, mit dem guten Gewissen, sich am Leid der Tiere nicht beteiligt zu haben.


Glückliche Tiere aus biologischer Haltung?

Meinen Sie wirklich, dass Tiere aus der Biohaltung ein gutes Leben hatten? Bio ist sicher etwas besser für die Tiere und wahrscheinlich auch besser für Ihre Gesundheit. Doch beruhigt es in erster Linie das Gewissen.

Jetzt kurz vor Weihnachten liest man öfter, dass sich Familien eine Gans im Garten halten oder vom Bauern um die Ecke holen, wo sie ein schönes Leben gehabt hätte. Nur frage ich Sie. Manche Gänserassen werden bis zu 25 Jahre alt. Wenn so eine Gans 1 Jahr leben durfte, wie gut konnte dieses Leben dann gewesen sein?
Ähnlich sieht es mit Schweinen aus. Sie werden 20 Jahre alt. Sind sehr intelligent und können ein Partner, ähnlich einem Hund sein. Doch werden sie schnellstens auf Ihr Schlachtgewicht gebracht, um sie dann zu verwerten. Da unterscheidet sich eine biologische Haltung kaum von konventioneller Haltung. Jedoch muss man schon konstatieren, dass die meisten Tieren aus konventioneller Haltung froh sein könnten, frühzeitig aus diesen Haltungsbedingungen erlöst zu werden.

Und was ist die Lösung?

Die wenigen angeführten Argumente zeigen bereits, dass man in einem Dilemma steckt, sobald man sich mit diesem Thema beschäftigt. Ich selber lebe seit beinah 30 Jahren vegetarisch. Streckenweise auch streng vegan. Meinen Kindern lasse ich die Wahl. Sie essen durchaus etwas Fleisch. Jedoch immer nur aus bester Haltung und so wenig wie möglich verarbeitet.

Wir halten Ziegen, Schafe, Hühner, Gänse. Alle Tiere leben sehr naturnah und trotzdem scheint es unehrlich. Beim Nachwuchs unserer Ziegen sind im Schnitt 50% Böcke dabei. Nicht anders sieht es bei den Schafen oder Hühnern aus. In der Regel verkaufen wir die Tiere.
Und wieviele der Tiere werden den Weg zum Schlachter finden?

Ich schreibe Ihnen das, weil ich nicht mit dem moralischen Zeigefinger andere stigmatisieren möchte. Es ist nahezu unmöglich, komplett so zu leben, dass man auf tierische Produkte verzichten könnte. Und wenn man es tut, sei die Frage erlaubt, wie nachhaltig oder ökologisch die Alternativen sind.

Erst kürzlich las ich einen Aufruf, dass man aufgrund von Tierquälerei auf Wolle verzichten sollte. Unsere Schafe führen hier in den Bergen ein geradezu idyllisches Leben. Sie werden einmal im Jahr geschoren. Was durchaus notwendig ist, denn sie wurden im Verlauf der letzten tausenden von Jahren so gezüchtet, dass sie ihre Wolle im Sommer nicht verlieren. Aus der Wolle unserer Schafe, stellen wir wundervolle funktionale Kleidung her. Sie ist nachhaltig und keine Kunstfaser könnte da auch nur ansatzweise konkurrieren.

Der Weg ist wohl nicht die absolute Enthaltsamkeit, sondern die Wertschätzung und damit einhergehend eine starke Reduzierung des derzeitigen Verbrauchs.