Haben wir einen freien Willen?


Die Frage, ob wir einen freien Willen haben, scheint Ihnen vielleicht absurd, denn schließlich treffen Sie jederzeit Entscheidungen. Beispielsweise diesen Artikel zu lesen oder nicht. Doch werde ich Ihnen in diesem Beitrag aufzeigen, dass Sie Ihre Entscheidungen in den wenigsten Fällen bewußt treffen und diese somit nicht Ihrem freien Willen entspringen.

Von klein auf lernen wir, dass wir für unsere Entscheidungen verantwortlich wären. Wir werden für moralisch gute Handlungen belohnt und für moralisch schlechte Handlungen bestraft. So lernen wir, dass wir bewußt für unser Handeln verantwortlich sind. Allein diese Verantwortung in Frage zu stellen, scheint unter diesen Gegebenheiten bereits absurd. Doch was ist, wenn wir auf diese Weise lediglich gelernt haben, die Gedanken und Handlungen unseres Unterbewußtseins uns bewußt zu eigen zu machen. Wir also unsere Handlungen, sobald sie uns bewußt werden, als eigene Entscheidungen interpretieren und so als freien Willen kommunizieren.


Freier Wille, eine bewusst geschaffene Illusion

Ich möchte Sie an dieser Stelle bitten, eine kleine praktische Übung durchzuführen. Wir werden auf diese Weise ganz praktisch ergründen, ob Ihre Entscheidungen einem freien Willen entspringen.

Setzen Sie sich bequem hin, schließen Sie die Augen und versuchen Sie an nichts zu denken. Das fällt am Anfang schwer, weshalb es sich anbietet, ein Wort im Geist zu repetieren. Alternativ können Sie sich auf Ihre Atmung konzentrieren.

Sie werden schnell feststellen, dass trotz Ihrer bewußten Konzentration Gedanken auftauchen. Woher stammen diese Gedanken, die offensichtlich nicht gezielt durch Sie erzeugt wurden?

Sie stammen aus Ihrem Unterbewußtsein und werden durch Ihren Geist ganz automatisch generiert. Als Quelle bedient sich Ihr Geist Ihrer Vergangenheit. Sie mögen dann beispielsweise Gedanken wahrnehmen, die sich mit Dingen beschäftigen, die noch getan werden müssten. Mit Ängsten oder vergangenen Handlungen. Die komplette Bandbreite von positiven und negativen Überlegungen, die mit Ihrem Zustand im Moment wenig zu tun haben. Es scheint fast so, als wolle Sie Ihr Geist daran hindern, sich von ihm zu lösen.

Sie haben diese Gedanken nicht bewusst erzeugt. Ihr Geist produziert sie genauso, wie Ihre Galle Gallenflüssigkeit produziert.


Ihr Bewußtsein macht sich diese Gedanken jedoch zu eigen. Statt sich auf die Atmung zu konzentrieren, oder das Wort zu wiederholen, beschäftigen Sie sich mit diesen Gedanken, bis Sie sich plötzlich gewahr darüber werden, dass Sie aufgehört haben, das Wort zu repetieren oder sich auf die Atmung zu konzentrieren. Sie haben sich die Gedanken zu eigen gemacht und erst später realisiert, dass Ihr eigentliches Vorhaben vergessen wurde.

Ihr gesamtes Leben läuft auf diese Art und Weise ab. Ob Sie sprechen, Auto fahren oder auch nur eine Tasse greifen, um etwas zu trinken. Sie tun es nicht bewußt. Ihr freier Wille ist demnach nur eine Illusion.


Spirituelle Erfahrungen und neuere Wissenschaftliche Erkenntnisse

Sie haben mit einer Übung bereits erfahren, dass der freie Wille eine Illusion darstellt. In vielen spirituellen Praktiken ist man sich der Illusion eines freien Willens bewußt, weshalb die eigentliche spirituelle Arbeit darin besteht, sich diesem Automatismus zu entziehen. Denn grundsätzlich ist es möglich, bewußte Entscheidungen zu treffen. Ein Weg ist das gewahr werden der erzeugten Gedanken und sie in der Folge nicht mehr auf ein Ich zu beziehen.

Doch auch in der Wissenschaft rückt man vom Glauben an einen freien Willen ab.

Wie frei ist unser Wille aus Sicht der Wissenschaft

John-Dylan Haynes und sein Team vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig konnten nur durch Beobachtung des Gehirns vorhersagen, wie sich Versuchspersonen entscheiden würden und zwar noch bevor sie sich der Entscheidung selbst bewußt waren.

Haynes Studie stellte eine moderne Variante der Studie von Libet dar, der schon vor 20 Jahren Zweifel daran aufkommen liess, dass wir einen freien Willen haben.

Sie können sich sicher vorstellen, welche gesellschaftlichen Auswirkungen diese Erkenntnisse hervorrufen könnten. Denn Sie bedeuten, dass wir nicht für unsere Handlungen verantwortlich gemacht werden können. Wie verantwortlich kann jemand für seine Taten gemacht werden, wenn exakt jeder andere Mensch, im selben Körper genauso gehandelt hätte? Und was sollten Strafen bewirken? Sie könnten sogar für weitere, moralisch verwerfliche Handlungen sorgen.


Die Entwicklung hin zu einem freien Willen

Im Buddhismus ist man sich schon lange der Tatsache bewußt, dass unsere Entscheidungen keinem freien Willen entspringen. Vielmehr wird davon ausgegangen, dass sowohl das Ich, als auch der vermeintlich freie Willen desselben, eine Illusion sind.

Wer bin ich

Stellen Sie sich doch selber einmal die Frage: „Wer bin ich“. Was würde Ihnen als Antwort auf diese Frage einfallen?

Ich habe diese Frage schon oft gestellt und meist ähnliche Antworten erhalten. Entweder wurde die Frage gemieden oder es folgte als Antwort eine Aufzählung von Daten, die sich im Laufe der Zeit angehäuft hatten. Name, Geburtsdatum, Beruf und vieles mehr.

Einmal zeigte mir eine Freundin ein Bild aus ihrer Kindheit und fügte hinzu: „Das bin ich“.

Doch war sie das wirklich? Was hatte dieses Kind noch mit der erwachsenen Frau gemein? Weder ihre Gedanken und Vorstellungen, noch ihr Aussehen. Mittlerweile hatte sich jede ihrer Zellen erneuert. Nichts war mehr gleich, mit dem Mädchen auf dem Bild. Alles was an diesem Kinderbild offensichtlich wurde, war der permanente Wandel.

Ist das Ich also eine Anhäufung vergangener Erlebnisse und Ereignisse? Wie real wäre es dann? Schliesslich existiert diese Vergangenheit ausschliesslich in Ihrem Geist. Wäre dann das Ich nicht nur eine Illusion? Genauso eine Illusion wie der freie Wille?

Die unsterbliche Sterblichkeit

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass gerade Menschen, die sich selbst als Materialisten oder Atheisten bezeichnen, das Ich als eine Anhäufung vergangener Ereignisse darstellen. Wenn das Ich nur eine Anhäufung, nicht real existierender Ereignisse ist, was sollte denn dann sterben?

Auf der Suche nach einem Ich, bin ich nicht fündig geworden. Doch dürfte das kaum ein Nachteil sein. Denn als Pantheist sehe ich alles als beseelt an. Das bewusstsein wäre in diesem Fall nicht an einen Körper gebunden. Sie können diese Erfahrung praktisch erleben. Mit dem Verstand werden Sie dieser Frage nicht habhaft. Doch zur weiteren Betrachtung des freien Willens, ist die Beantwortung ohnehin nicht von Belang.

Der freie Wille

Die Ausführungen zum Ich waren notwendig, um diesen Teil über den freien Willen nachvollziehen zu können. Denn aus Erfahrung weiss ich, dass der Mensch einen freien Willen haben kann. Das erfordert jedoch eine intensive Arbeit mit sich selbst.


Der Prozeß, den Sie als die freie Entscheidung ansehen, ist relativ einfach zu verstehen und jederzeit praktisch nachvollziehbar. Ihr Unterbewußtsein erzeugt Gedanken und Handlungen. Ihr Bewußtsein nimmt diese Gedanken und Handlungen wahr und bezieht sie auf ein geschaffenes Ich. Es entstehen Handlungen, und Gedanken, sowie daraus resultierende Gefühle, die Sie sich im Nachhinein zu eigen machen.

Der Weg zu einem freien Willen führt nun über den Umweg, sich automatisch generierte Gedanken bewusst zu machen und diese nicht mehr auf ein Ich zu beziehen.

Sie können auf diese Weise in begrenzten Rahmen bewußte Entscheidungen treffen. Ihr Leben wird sich jedoch nur sehr langsam ändern und Sie müssen sich darüber im klaren sein, dass Ihr Unterbewußtsein bei vielen Handlungen seine Berechtigung hat. Wollten Sie bewußt alles im Leben durchführen, wäre Ihr Bewußtsein vollkommen überfordert.

Sie können Ihr Leben jedoch unabhängiger von einem fremd gesteuerten Leben gestalten. Und nicht nur näher an das Ziel gelangen, einen wirklich freien Willen zu haben, sondern auch die Steuerung über Ihre emotionale Welt übernehmen. Im Buddhismus weist man so den Weg zum Glück. Denn zusammen mit dem freien Willen entwickelt sich auch eine Erkenntnis darüber, wie die Dinge sind.