Der Baum ein bisher unverstandenes Wesen


Der Baum ist ein bisher unverstandenes Wesen. Ihm werden Schmerzen, Gefühle oder soziales Handeln abgesprochen. Dabei war das nicht immer so. Unsere pantheistischen Vorfahren hatten ein durchaus anderes Verständnis vom Wesen der Bäume und jüngere wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass sie damit nicht falsch lagen.

Der Mensch stammt von den Bäumen ab

Unsere pantheistischen Vorfahren waren überzeugt davon, dass die Bäume ihre Urahnen waren. Übernatürliche Wesen, aus denen sie selbst hervorgegangen waren. So ging man davon aus, dass sich Mann und Frau aus Askr und Elmja, Esche und Ulme, bildeten.

Nun könnten Sie widersprechen und behaupten, dass Mann und Frau aus Esche und Ulme erschaffen wurden. Schliesslich sollen Loki, Thor und Odin auf einem Spaziergang am Meer zwei angeschwämmte Bäume gefunden haben, denen sie Leben einhauchten. Doch das ist lediglich eine Umdeutung, des ursprünglichen Glaubens. Stehen doch die Götter ohnehin als Gleichnis für die Naturgewalten.


Dass solch eine Umdeutung stattfand, erschliesst sich daraus, dass es viele Schöpfungsgeschichten gibt, in denen sich die Menschen aus den Bäumen bildeten. So berichtet Storl, dass die Sioux glauben, dass die ersten Menschen Bäume waren, deren Wurzeln durch eine Schlange getrennt wurden.

In anderen Kulturen berichtet man über die Entstehung aus einer Pflanze heraus. So heisst es bei den Eraniern, die im damaligen Zentralpersien lebten, dass Mann und Frau aus dem persischen Rhababer hervorgingen. In diese Pflanze goß Ahuramazda die Seele hinein. Was eins und vollkommen war, trennte sich und geht seither als Mann und Frau durchs Leben. Eine Vorstellung die tief verwurzelt ist, denn noch heute spricht man bei der Liebe von der zweiten Hälfte, die in einer Beziehung zur Vollkommenheit verschmilzt.

Der Baum ist, in der Vorstellungswelt unserer Ahnen, der Ursprung unserer Schöpfung. Ein mystisches Wesen, aus dem der Mensch hervorgegangen ist. Er kann Krankheit schicken und Heilung. In ihm Leben Geistwesen, wie Elben, die der Mensch nicht erzürnen sollte.

Zwar veränderten die Menschen auch schon in damaligen Zeiten den Baumbestand, doch immer mit dem Bewusstsein, es mit fühlenden Wesen zu tun zu haben, die durchaus auch in der Lage waren, sich zu revanchieren. Dabei waren einige Bäume absolut tabu. Man getraute sich nicht einmal sie zu beschneiden.

Vom Wald zum Erwerbswald

Durch Siedlungen in den Urwäldern, die massgeblich von Eichen bestimmt waren, entstanden in früher Zeit baumfreie Biotope. Einerseits durch die Haltung von Ziegen und Schafen. Andererseits durch das Holz, das für den Bau der Dörfer benötigt wurde. Mit der Zeit veschob sich der Eichenwald hin zu einem überwiegend von Buchen bestimmten Wald. Buchen setzen sich durch, da sie doppelt so schnell wachsen, wie Eichen.


Insgesamt waren die entstehenden und bestehenden Wälder Urwälder. Und das Verhältnis zwischen Mensch und Baum war von Ehrfurcht geprägt.


Erst mit dem Einzug des Christentums änderte sich diese Einstellung. Dabei traten zwei grundsätzliche Ursachen gemeinsam auf. Ein starkes Bevölkerungswachstum und ein geändertes Verhältnis zum Baum. Zwar lebte der pantheistische Glaube noch immer in der Bevölkerung fort, doch wurde er sukzessive durch Profitinteressen ersetzt. Bereits im Mittelalter hatte der Mensch alle Urwälder abgeholzt. Aus Urwald wurde Erwerbswald. Ein Baumacker, auf dem das am schnellsten wachsende Nutzholz angepflanzt wurde, die Fichte.

Die Vorstellung der Menschen hatte sich geändert. Der Baum war kein beseeltes Wesen mehr, sondern ein reines, gefühlloses Nutzgut. Bis heute hat sich diese Vorstellung gehalten.

Die Wissenschaft führt uns zurück zum Ursprung

Neuere wissenschaftliche Arbeiten und Menschen, wie Peter Wohlleben, bringen ein neues Verständnis für den Baum. Erkenntnisse, wie sie unsere pantheistischen Ahnen vertraten. So zeigen wissenschaftliche Untersuchungen, dass Bäume Erinnerungen speichern könnten, Informationen austauschen und äusserst sozial miteinander umgehen.

So teilen sich Buchen beispielweise über die Wurzeln die Nahrung und helfen so schwächeren Buchen. Dabei sollen sie durchaus zwischen ihresgleichen und anderen Baumarten unterscheiden können. Sowohl für den Austausch der Nahrung, als auch für die Kommunikation nutzen sie ein unterirdisches Pilzgeflecht. Sie empfinden Schmerzen und könnten sogar zählen. Denn sie treiben erst nach einer bestimmten Anzahl von warmen Tagen aus.

Über die Luft tauschen sie Duftstoffe aus, die auf den Menschen heilend wirken können. Was einzig dadurch möglich ist, dass diese Stoffe dem Menschen ähnlich sind und so eine unmittelbare Wirkung ausüben können. Ein Wirkmechanismus, den Clemens G. Arvay beschreibt. Womit wir wieder an dem Glauben unserer Ahnen anknüpfen könnten. Der Vorstellung, dass wir von den Bäumen abstammen. Doch selbst ganz wissenschaftlich betrachtet, dürfte unbestritten sein, dass wir zumindest an irgendeinem Punkt in der Vergangenheit, einen gemeinsamen Vorfahren hatten.


Zurück zu wirklichen Wäldern

Die Erkenntnisse über die Komplexität der Bäume nehmen zu. Und mit ihnen ein anderes Verständnis von Wald. Nun bleibt zu hoffen, dass wir in Deutschland wieder Wälder entstehen lassen. Denn das was Sie als Wald wahrnehmen, ist keiner. Es sind Waldplantagen. Eine reine Erwerbsnatur, die den Profitinteressen unterworfen ist und regelmässig geerntet wird. Der Wald selber ist keiner. In solch einem Kunstwald findet all das Leben , wie es im vorigen Abschnitt beschrieben wurde, nicht oder extrem eingeschränkt statt.

Der Mensch muss umdenken und wieder langsam wachsende Eichen und Buchen pflanzen. Nicht nur um sie zu nutzen, sondern hauptsächlich um daraus einen natürlichen Lebensraum entstehen zu lassen.


Und unsere Einstellung zum Leben sollte sich ändern. Denn es ist ein falscher Ansatz, die eigene Natur auf andere Wesen zu übertragen um aufgrund dieser falschen Betrachtungsweise anderen Wesen ihre Fähigkeiten und Empfindungen abzusprechen und es dadurch zu einem Ding werden zu lassen, das einzig dem Profitinteresse des Menschen unterliegt.