Befreiung vom Leid


Sich vom Leid befreien, ist wohl der Wunsch vieler Menschen. Der Buddhismus bietet einen Weg. Doch ist der Weg zur Befreiung vom Leid, wie ihn der Buddhismus lehrt, ein meist missverstandener Weg.

Positiv denken?

Die Aufforderung, positiv zu denken, findet sich oft in esoterischen Kreisen, die sich in letzter Instanz auf den Buddhismus berufen. Doch können Sie sich durch positives Denken wirklich vom Leid befreien?


Wohl eher nicht. Schliesslich wird Leid nicht durch eine negative Sichtweise verursacht. Der Versuch, positiv zu denken, gleicht einem Selbstbetrug, einer Realitätsverweigerung. Aus Sicht des Buddhismus dürfte diese Art des Selbsbetruges wenig zielführend sein, denn der Buddhismus sieht die Ursache von Leid in einer Identifizierung des Menschen mit einem Ich.

Dieses Ich speist sich aus der Vergangenheit des Menschen und seinem Umfeld. Der Glaube an ein unveränderliches Ich wird durch die Mechanismen des menschlichen Geistes gestützt. Denn dieser produziert, ohne bewusstes Eingreifen, permanent Gedanken, die sich das Bewusstsein zu eigen macht. So leben Sie in Gedanken. Wechseln ständig von der Vergangenheit in die Zukunft und sorgen sich um ein Ich, von dem Sie nicht einmal im Ansatz wüssten, was dieses unveränderliche Ich sein sollte. Dabei können Sie nun an vermeintlich „Gutes“ oder „Schlechtes“ denken. Oder, im Fall des positiven Denkens, sich mühsam die unbewusst produzierten Gedanken bewusst schön reden.

Allein die grundsätzliche Annahme, Sie könnten die Welt in „gut“ und „böse“ einteilen, ist schon eine rein subjektiv Sicht. Schliesslich kommt es auf Ihr persönliches Wertesystem an, dass in Ihnen gedanklich verankert ist. Bei genauer Betrachtung, ist eine Teilung in „gut“ und „böse“ nicht einmal aus subjektiver Sicht haltbar. Sie mögen beispielsweise meinen, dass töten „böse“ wäre. Doch sieht man einmal von den Pflanzen ab, die sich durch Photosynthese mit Energie versorgen, sind nahezu alle anderen Lebewesen dazu gezwungen, zu töten um selber zu leben. Kann töten da wirklich böse sein? Und was ist, wenn alles in diesem Universum mit einer Lebensenergie erfüllt ist? Es den Tod also gar nicht gibt. Er einen Übergang bildet, so wie der Winter den Übergang zum Frühling bildet. Wäre töten dann böse? Und selbst wenn Sie all diese Überlegungen verwerfen bleibt immernoch ein Fakt, den Sie kaum leugnen können. Wenn Sie die Welt in „gut“ und „böse“ einteilen und das müssten Sie, wenn Sie der Sichtweise „positiv Denken“ in aller Konsequenz folgen, ist es vollkommen absurd zu glauben, dass Sie nicht beides im selben Maße trifft. Denn schliesslich kann es bei einer solch dualistischen Weltsicht das Gute überhaupt nur durch die Existenz des Gegensatzes, des Bösen, geben.

Jeder Mensch erschafft seine Realität?

Jeder Mensch erschafft seine Realität, ist eine weitere Aussage, die zur Befreiung vom Leid führen soll. Doch ist das wirklich so? Schaffen wir uns unsere eigene Realität?

In gewisser Weise könnte man zustimmen. Denn alle äusseren Sinneseindrücke werden durch unseren Geist interpretiert. Wir bekommen sie sozusagen nicht so wie sie sind, sondern so wie wir gelernt haben, dass sie sein sollten. Doch die Aussage: „Jeder Mensch erschafft seine Realität“ meint in der Regel nicht diese Tatsache, sondern geht davon aus, dass wir mit unserem Geist unser Umfeld nach unseren Wünschen gestalten könnten. Für diese Aussage muss dann meist die falsch verstandene Quantenphysik herhalten.

Natürlich könnten Sie sich mit viel Mühe eine subjektive Wirklichkeit im Kopf basteln. Und tatsächlich gibt es Menschen die genau diesen Weg gehen. Doch entspricht dieses Leben nicht der objektiven Wirklichkeit. Und genau genommen nicht einmal Ihrer subjektiven Wirklichkeit. Ihre subjektive Realität wäre, was Sie im Augenblick erfahren. Und zwar im klaren Bewußtsein. Ungetrübt durch Wertung oder Bezug.

In dieser Wirklichkeit hat Leid keinen Platz. Sie könnten nicht einmal über einen Verlust trauern, weil dieser Verlust selbst nur ein Gedankenkonstrukt darstellt. Im Fall der Trauer eine Erinnerung an ein geliebtes Wesen.

Im Augenblick gibt es keine Ängste, keine Trauer, keine Vergangenheit, kein Ich und keine Zukunft. Denn es ist der einzig wahre Moment, den Sie erleben können. Indem Sie beginnen, diesen Augenblick auf ein Ich zu beziehen, ihn zu bewerten oder gar anzuhaften, schaffen Sie die Grundlage für künftiges Leid.

Die erwähnte Anhaftung sorgt oft für Missverständnisse. Gemeint ist damit der Glaube, jemanden oder etwas im Leben festhalten zu können. Doch was könnten Sie in diesem Universum festhalten? Alles ist vergänglich. Ein Baum genauso, wie Sie selbst. Sie sind heute nicht die Person, die Sie als kleines Kind waren. Wenn Sie ein Foto aus Ihrer Kindheit von sich betrachten, meinen Sie das zu sein. Sie sind jedoch längst nicht mehr dieses Kind. Keine Ihrer Zellen ist noch die Selbe. Nicht einmal die Gedanken und Vorstellungen teilen sie noch miteinander. Alles was sie zu einem Ich vereint, ist Ihre Vorstellung von einem unveränderlichen Wesen. Der Glaube an eine Beziehung in Form und Zeit.

Betrachten Sie sich selbst. Ihr Geist produziert permanent Gedanken, die Sie weder kontrollieren, noch erzeugen. Sie beziehen diese Gedanken aber auf ein „Ich“. Und was soll dieses Ich sein?

Eine kurze praktische Übung zeigt Ihnen, ob Sie „HerrIn im eigenen Haus“ sind.

Versuchen Sie einmal an nichts zu denken. Beobachten Sie sich dabei selbst. Sie werden schnell bemerken, dass Gedanken auftauchen. Wer hat sie erzeugt? Und wer beobachtet sie?

Der Beobachter ist Ihr Bewusstsein. In der Wirklichkeit zu leben, heisst dies zu erkennen und die Gedanken neutral zu betrachten. Denn sie werden vom Geist genauso erzeugt, wie die Galle Gallenflüssigkeit erzeugt. Gespeist werden sie aus Ihrer Vergangenheit. Und so werden Sie durch Ihren Geist permanent beschäftigt.

Die gute Seele – Was Du tust, wirst Du erleiden

In esoterischen Kreisen wird oft von der „guten Seele“ oder der „reinen Seele“ gesprochen. Und dem kosmischen Gesetz, dass all das was man tut, einen selber treffen wird. Dabei wird insbesondere wieder auf die Werte verwiesen. Tue Gutes, dann wird Dir ausshliesslich Gutes widerfahren.

Eine zutiefst esoterische Sicht. Denn diesem Glauben zufolge müsste es eine übergeordnete moralische Instanz geben.Die kann es jedoch allein schon deshalb nicht geben, weil Moral ein von Menschen geschaffenes Gedankenkonstrukt ist, das in jeder Kultur andere Werte kennt. Und selbst einzelne Menschen haben oft vollkommen unterschiedliche Vorstellungen darüber, was „gut“ oder „böse“ ist.

Was es jedoch gibt ist Karma.

Karma

Karma bedeutet soviel wie Tat und bezeichnet den Umstand, dass jede Handlung eine Wirkung zeigt. Wenn ich eine Tasse über dem Boden fallen lasse, wird sie unweigerlich auf den Boden fallen und je nach Bodenbeschaffenheit wahrscheinlich zerbrechen. Die Tat hat eine Wirkung. Allerdings vollkommen wertfrei.

Karma kümmert sich nicht darum, ob es Sie schmerzt, weil diese Tasse eine Erinnerung an Ihre Großmutter war. Oder es Sie glücklich macht, weil die Tasse von einer unliebsamen Person stammte. Die Wertung nehmen einzig Sie vor und das allein deshalb, weil Sie von einem Ich ausgehen.

Ihrer Seele dürfte es vollkommen gleich sein, was Ihr Ich für Werte aufstellt. Da sie unsterblich wäre interessiert sie all das Geplänkel, was Sie um Ihr Ich machen, keinen Deut. Käme sie zur Sprache, würde sie sich wundern, wie weit Sie sich von ihr entfernt haben. Denn alles anhängen oder werten dürfte aus Sicht der Seele vollkommen absurd sein.

Gefühle zulassen

Wie oft liest man in esoterischen Foren über die Macht der Gefühle. Liebe könnte alles verändern und nicht nur das eigene Leid, sondern gleich das Leid des ganzen Universums heilen. In der Regel wird strengstens vermieden, aufzuzeigen, was unter Liebe verstanden wird. Zumindest scheint festzustehen, woher die Liebe kommt, aus dem Herzen. Doch ist das wirklich so? Befreit uns Liebe vom Leid.

Auch hier hat man sich der Lehren von Buddha bedient. Er spricht von einer allumfassenden Liebe. Jedoch nicht als Mittel zur Befreiung vom Leid, sondern als unweigerlich eintretendes Resultat nach der Befreiung vom Leid. Die Erkenntnis darüber, wie die Dinge sind, lässt in letzter Konsequenz nur eine allumfassende Liebe zu.

Um das zu verstehen, muss man sich bewusst machen was Liebe tatsächlich ist. Bedingungslose Liebe ist Mitgefühl. Und dieses Mitgefühl tritt ein, wenn man erkannt hat, dass alles in Beziehung steht. Nichts ohne das andere existieren kann.

Ist Ihnen Mr. Spock aus Star Trek bekannt? Er steht für eine Spezies, die ehemals stark von ihren Gefühlen gelenkt, den Planet Vulkan in Schutt und Asche legten. In der Folge lernten sie ihre Gefühle zu kontrollieren. Die Vulkanier sind den Buddhisten nicht unähnlich. Man denke nur an die ziemlich agressiven Tibeter, die vor dem Buddhismus dem Bön folgten. Ein sehr kriegerisches Volk, dass mit dem Übergang zum Buddhismus weitaus friedfertiger wurde. Doch was änderte sich? Schliesslich ist der Buddhismus keine Religion und auch keine Philosophie.

Eine Religion ist er schon allein deshalb nicht, weil er nicht davon ausgeht, dass es einst einen Garten Eden gab, in den die Menschen zurückgeführt werden könnten. Religion bedeutet jedoch Rückführung. Also das zurückführen in ein vermeintliches Paradies.

Stattdessen bietet er einen rein praktischen Weg zur Erkenntnis.

Die Entstehung von Gefühlen

Wie entstehen Gefühle. Was bildet die Ursache, ob wir uns glücklich fühlen, oder traurig? Die Biologie glaubt da längst Antworten gefunden zu haben und reduziert die menschlichen Gefühle auf Hormone, biochemische Substanzen. Doch was löst diese aus?

Es heisst Liebe kommt aus dem Herzen, oder man soll auf seinen Bauch hören, seiner Intuition folgen. Doch in Wirklichkeit folgt niemand seinem Herzen oder seinem Bauch. Sie folgen Ihren unbewusst erzeugten Gedanken. Jeden Gefühl geht ein Gedanke voraus. Und selbst wenn die Emotion durch einen Sinn ausgelöst wird, steht der Gedanke dazwischen. Nur läuft dieser Prozess für die meisten Menschen unbewusst ab. Denn wie bereits geschrieben, erzeugt der Geist permanent Gedanken und zwar vollkommen eigenständig. Mit der Beobachtung der Gedanken, kann ein Beobachter bewusst entscheiden, welchen Gedanken er Aufmerksamkeit schenkt und welchen nicht. Somit beeinflusst er unmittelbar seine Gefühle.

Sie können auch das praktisch überprüfen. Schliessen Sie die Augen und denken an nichts. Beobachten sie ihre Atmung. Sobald sie bemerken, dass ein Gedanke auftaucht, nehmen sie ihn wahr und formulieren im Geist den entgegengesetzten Gedanken. Beobachten Sie dabei die daraus folgenden Gefühle.

Befreiung vom Leid

Doch wie befreit man sich denn nun vom Leid?

Meditation

Was Meditation ist, wissen leider die wenigsten Menschen. Meist herrscht der Glaube, man würde sich in der Meditation in eine Art Trance-Zustand versetzen. Die Geheimnistuerei um bestimmte Formen der Meditation, wie beispielsweise die Transzendentale Meditation verschärft diesen Glauben eher noch, als ihn zu revidieren.

Meditation bewirkt jedoch genau das Gegenteil von Trance. Man befindet sich in keinem Trancezustand, sondern ist mit dem Bewußtsein im Hier und Jetzt.

In meinen Meditationen löste sich die Vorstellung von einem Ich oder Selbst auf. Gedanken die vom Geist erschaffen werden, können auf diese Weise ohne Bezug auf ein Ich betrachtet werden. Und mit der Zeit werden diese Gedanken immer leiser.

Es sind diese, vom Geist automatisch geschaffenen, Gedanken, die viel Leid verursachen. Wir verbinden sie mit einem Ich und machen sie uns zu eigen. Und sie beschäftigen uns permanent. So sind wir ständig in der Vergangenheit oder der Zukunft gefangen, während unser Unterbewußtsein die meisten unserer Tätigkeiten steuert.

Meditationspraxis

Bei der Meditation ist es weniger wichtig, wie lange Sie meditieren. Viel wichtiger ist, dass Sie regelmäßig meditieren. Nehmen Sie dafür eine bequeme Sitzposition ein, schließen Sie die Augen und beobachten Ihren Atem. Sobald Sie feststellen, dass Gedanken Sie abzulenken suchen, schenken Sie diesen keine Aufmerksamkeit mehr und beobachten wieder Ihren Atem. Anfangs reichen 5 Minuten für Ihre Meditation.

Die Vergänglichkeit allen Seins vor Augen führen

Führen Sie sich immerfort die Vergänglichkeit allen seins vor Augen. Beobachten sie fortwährend die Veränderung. Die Bewußtwerdung, dass nichts von Dauer ist, wird sich in Ihrem Unterbewußtsein manifestieren und damit einhergehend die tiefgreifende Erkenntnis, dass Sie nichts in diesem Universum festhalten oder besitzen können. Jede Art der Anhaftung würde zu Leid führen.

Leid ist die Unwissenheit über die Vergänglichkeit der Wirklichkeit. Die Erkenntnis der Wirklichkeit bedeutet die Auflösung des Leidens.

Die Erkenntnis der Wirklichkeit bedeutet nun nicht, nichts mehr besitzen zu dürfen. Sie führt jedoch dazu, dass nicht versucht wird etwas festzuhalten. Man könnte sagen, dass das eigene Glück nicht mehr von äusseren Umständen abhängig ist. Sie haften nicht mehr an.

Unterbewußtsein – Bewußtsein

Es reicht nicht, dass Sie das hier geschriebene im Bewußtsein verstehen. Sie müssen es in Ihrem Unterbewußtsein integrieren. Das erreichen Sie nur durch regelmäßige praktische Übung. Die tägliche Wiederholung der Übungen wird die Erkenntnis in Ihrem Unterbewußtsein verankern.

Es ist ein praktischer Weg, mit dem Sie sich vom Leid befreien können. Ein Weg, der Konsequenz und Ausdauer erfordert. Genau diese Erfordernisse sind der Grund, weshalb ihn weltweit nur wenige Menschen bis zur Vollendung gehen.

Die Vorstellung, in Tibet, Bhutan, Indien, China oder Japan würden Buddhisten allesamt vom Leid befreit sein, ist genauso falsch, wie die Vorstellung, dass Christen in Europa sich in Gänze mit ihrem Glauben beschäftigen würden. Für die meisten Buddhisten ist es Aufgabe der Mönche diesen Weg zu gehen.

Entgegen dem christlichen Glauben ist jedoch die buddhistische Lehre für jeden Menschen ein praktischer Weg, sich vom Leid zu befreien.